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Heiko Beyer im Interview: Zum völligen Stillstand

Heiko Chachapoyas

Heiko Beyer unterwegs in Chachapoyas / Peru

Heiko Beyer liebt sein Leben als Fotojournalist und Globetrotter. Doch dann kommt die Pandemie und mit ihr die Zwangspause. Wie es ihm dabei ergeht und welche Projekte er derzeit voranbringt, das erzählte er in diesem Artikel. der am 14. März im Fränkischen Tag erschien.

Erlangen/Ludwigsstadt- Eigentlich war Heiko Beyer immer der Meinung, er sei beruflich gut aufgestellt. Der 52-jährige gebürtige Ludwigsstädter arbeitet als Fotojournalist und ist mit seinen abendfüllenden Live-Reportagen über ferne Länder auf den Bühnen Deutschlands zu sehen. Daneben organisiert er in Erlangen die Vortragsreihe „Fernweh Spezial“ und arbeitet als künstlerischer Leiter des Fernweh-Festivals. Und last but not least leitet er Fotoreisen und vermittelt sein Wissen als Seminarleiter. Da kann doch nicht viel passieren? Oder etwa doch?

„Wir waren unter den ersten, denen ein faktisches Berufsverbot auferlegt wurde - und wir werden die letzten sein, die wieder arbeiten dürfen“, meint der Weltenbummler. Genau das Umfeld um die Bereiche „Veranstaltungen“ - „Reise“ - „Seminare“ fiel durch die Corona-Krise in eine tiefe und lang anhaltende Rezession.

Dabei lief doch alles gerade so gut: Heiko Beyer hatte nach dreijähriger Arbeit sein neues Bühnenprogramm „Neuseeland- Ein halbes Jahr durchs Land der Kiwis“fertiggestellt und wollte ab Oktober des letzten Jahres auf eine 80-Städte-Tournee aufbrechen. Auch ein erneuter Auftritt in seiner Heimatstadt Ludwigsstadt war geplant, wo er in den vergangenen Jahren bei insgesamt drei Live-Multivisionen ein zahlreiches Publikum in fremde Länder entführt hatte. Leider musste die Veranstaltung in Ludwigsstadt nun um ein Jahr auf den 25. März 2022 verschoben werden. Drei Jahre hat er dafür hart gearbeitet und viel investiert, aber jetzt leider keine Möglichkeit, seine Show live zu zeigen. „Immerhin gibt es jetzt eine Doppel-DVD mit knapp drei Stunden Spielzeit, die man über meine Webseite bestellen kann und mit der ich vielleicht ein wenig der Produktionskosten wieder einspielen kann“, hofft er.

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Tierfotografie im Pantanal / Brasilien

Auch das „Fernweh Festival“ hatte bereits im März 2020 über 1000 Karten verkauft, musste aber mit seinem ganzen Programm auf den November 2021 verschoben werden. „Nichtsdestotrotz“, meint der Globetrotter mit einem Grinsen, „bin ich optimistisch und hoffe, dass uns unser Publikum - eben alle, die auf Reisen, Abenteuer und fremde Kulturen stehen - treu bleibt“. Daher bietet das „Fernweh Festival“ ab dem 1. März monatlich eine Reise- oder Abenteuerreportage auf seiner Webseite an, um die Zuschauer nicht über eine so lange Zeit ganz ohne spannende Abenteuer- und Reisegeschichten alleine zu lassen. Die Produktionen im Streaming-Format sind komplett kostenlos und jeweils für einen Monat online verfügbar.

 „Wir haben echt viel Aufwand in das Angebot gesteckt und uns Mühe gegeben, dass Bild und Ton in bester Full-HD-Qualität beim Zuschauer ankommen“, betont der 52-Jährige. Als Dankeschön kann man dem Festival eine kleine oder große Spende zukommen lassen. Die eingehenden Beträge werden jeweils zwischen dem auftretenden Referenten und dem Festival fifty-fifty aufgeteilt. „Damit hoffen wir, etwas leichter über diese schwierige Zeit zu kommen und gleichzeitig auch den einen oder anderen Globetrotter bzw. Fotojournalisten zu unterstützen“, wünscht sich Heiko Beyer, der den Start der Streaming-Reihe selbst bestreitet: „Chile – Land der Kontraste“, so der Titel, bei dem er zu einem Streifzug durch sein Lieblingsland Südamerikas einlädt. Seine Reise startet in Santiago de Chile. Dann führt er weiter in den hohen Norden mit seinen Wüsten, schimmernden Lagunen, ausgetrockneten Salzseen und hohen Vulkanen. Über die exotische Osterinsel reist er anschließend in den Süden, nach Patagonien - einem Land aus bizarren Bergen, Eisfeldern, Wind und Gauchos -und endet schließlich im wilden Feuerland bei den letzten Goldsuchern.

Aber zurück nach Deutschland. Wie hat der Fotojournalist, Produzent und Vortragsreferent das Arbeitsverbot im Frühjahr 2020 verkraftet? „Für mich war es Mitte März wie eine brutale Vollbremsung - von 140 Stundenkilometern hin zu völligem Stillstand. Das muss man erst einmal verdauen. Und der tröstende Rotwein schmeckte auch die ersten Tage besonders gut. Aber irgendwann habe ich mich dann selbst gefragt, welche Möglichkeiten ich habe. Kopf in den Sand, Alkoholiker oder Sportjunkie - Das waren so die Optionen. Am Ende habe ich mich für letzteres entschieden und den ganzen letzten Sommer auf dem Fahrrad oder im Studio verbracht. Es klingt völlig widersinnig, aber durch Corona bin ich fit wie nie - auch wenn das natürlich alles nicht so gedacht war“, erzählt er.

Die im Grunde ja positiv zu bewertenden Soforthilfen, Überbrückungs- und Neustarthilfen kann er inzwischen nur noch mit hilflosem Schulterzucken quittieren. „Das Fernweh-Festival ist bisher durch alle Maschen gefallen. Leider fand man immer irgendwie immer Gründe, uns die Hilfe zu verweigern. Ob es diesen großen Event, der für Völkerverständigung, Toleranz und Naturschutz steht, in Zukunft noch geben wird, ist unklar und hängt letztlich davon ab, ob die Behörden doch noch unterstützend tätig werden“, verhehlt er nicht.

Heiko San Rafael Gletscher Chile

An der Laguna San Rafael / Chile

Natürlich befindet er sich nicht alleine in dieser Situation. „So viele Selbständige sehen sich im Moment vor den Bruchstücken ihres jahrelangen Schaffens, müssen ihren Traum begraben. Zurück bleiben verbitterte Menschen, die nicht nur finanziell ins Abseits geschoben werden, sondern nicht mehr die Energie für einen Neubeginn besitzen. Ich selbst wurde in den letzten Monaten nicht nur einmal als „nicht systemrelevant“ und als „tolerierbarer Kollateralschaden“ bezeichnet. Ich denke, jeder kann nachvollziehen, wie man sich als Künstler und Kulturschaffender, der seinen Job liebt und lebt, dabei fühlt“, meinte der Weltenbummler.

Aber Nichtstun ist nicht sein Ding. So half Heiko Beyer den ganzen letzten Herbst dabei, auf einem großen Areal nahe Nürnberg kleine Bäumchen zu pflanzen. Dort soll mit über 5000 Setzlingen ein naturnaher und klimaresistenter Mischwald entstehen.  So habe er die Zeit genutzt, sich nützlich zu machen und etwas Nachhaltiges zu schaffen. In seinem Fitnesscenter hat er gerade die Technik fürs Streamen der Online-Kurse eingerichtet. Und obwohl die Neuseeland-Live-Multivision noch keine Bühne gesehen hat, nutzt Heiko Beyer die Frühlingsmonate, um ein neues Projekt nach vorn zu treiben: „Vulkane der Erde“, so der Arbeitstitel. Seit bereits 15 Jahren zieht es den Fotojournalisten immer wieder zu den aktiven Feuerbergen: „In meinem Bühnenprogramm geht es jedoch nicht nur um spektakuläre Ausbrüche und meine eigene Geschichte. Vielmehr interessiert mich auch, wie Mensch und Natur mit dieser Naturgewalt umgehen“, stellt er heraus. Reisen nach Äthiopien, in den Kongo, den Südseeinseln von Vanuatu, Indonesien, Italien und Island hat es schon gegeben.

„Und wenn alle Stricke reißen“, meint der Weltenbummler mit einem Augenzwinkern, „ziehe ich eher als geplant zurück in die Heimat nach Ludwigsstadt und widme mich der Geranienzucht. Geranien werden nämlich weithin unterschätzt.

Heike Schülein