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Unsere Philosophie und die Technik der Streaming-Reportagen

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(Autor: Heiko Beyer)

Multivisionen, Reisereportagen, Live-Travelshows oder – ...Diashows (Nimmermehr werde ich müde, diese Bezeichnung mit strikter Beharrlichkeit zu korrigieren): Es gibt viele Namen für das, was meine Kollegen und ich auf der Bühne tun.

Beziehungsweise in der so genannten „Vortragssaison“ von Oktober bis April jedes Jahr auf unseren Tourneen viele Abende Live on Stage bis zur Pandemie zum Besten gaben.

Natürlich, die Zeiten der Dias sind lange vorbei, längst arbeiten wir mit lichtstarken Beamern, längst sind Videosequenzen, Drohnenaufnahmen, Zeitraffer und gekonnter Einsatz von Animationen nicht wegzudenkender Teil unserer Arbeit. Nicht zu vergessend der erzählerische Part, denn wir sind und waren – zumindest das ist gleichgeblieben – Geschichtenerzähler. Geschichten vom Reisen, von fernen Ländern, von Abenteuern, fremden Kulturen und interessanten Menschen.

Der Pandemie-Trend: Reisereportagen im Stream

Dann kam die Pandemie und kappte von heute auf Morgen im März 2020 unsere Existenzgrundlage. Plötzlich war da ein Verbot unseres Berufs, plötzlich hörten wir keinen Applaus, sondern eher die staatliche Einschätzung als „nicht systemrelevent“, „tolerierbarer Kollateralschaden“ und Schlimmeres. Genau zu dieser Zeit begannen einige wenige Veranstalterkollegen damit, unsere mühsam erarbeiteten Liveshows kostenlos gegen eine Spende übers Internet zu streamen. Ich war fassungslos: Obwohl sich abzeichnete, dass wir eine lange Durststrecke vor uns haben werden und wohl durch viele staatliche Unterstützungskampagnen fallen werden, konnte ich nicht einsehen, warum wir kostenlos unsere Kunst herschenken sollten. Warum wir das, wovon wir hoffentlich nach der Pandemie wieder leben möchten, einfach so verheizen.

Nichtsdestotrotz war ich auch überrascht von dem Erfolg des Streaming-Formats. Denn ich hatte nicht erwartet, dass die Zuschauer im Lockdown die Shows vor dem heimischen Fernseher genießen und auch bei unserem 2-Stunden-Format bis zum Schluss mit dabei werden. Und so entschied ich mich, über das Label des Fernweh Festivals, dessen Mitveranstalter ich seit Anbeginn bin, ein Streamingformat zu entwickeln, dass aber etwas anders, sensibler und nachhaltiger für Künstler wie Veranstalterkollegen angelegt ist.

Unsere Streaming Philosophie

Zum einen möchte ich vermeiden, dass Vortragende, aus welchen Beweggründen sie dies auch immer tun – ihre aktuellen Bühnenprogramme im Internet kostenlos zur Verfügung stellen. Damit schaden sich nicht nur sich, sondern auch andere Veranstalter, denn die Regionalität, der nach der Pandemie hoffentlich wieder stattfindenden Live-Veranstaltungen ist aufgehoben. Zum anderen möchte ich die Shows in besserer Qualität als beim gängigen Live-Streaming-Format präsentieren.

Heraus gekommen ist folgendes Konzept: Ich nehme nur und ausschließlich Shows ins Streaming-Programm, die aus verschiedenen Gründen nicht oder nicht mehr den Weg ins Live-Bühnenprogramm gefunden haben bzw. finden werden. Weiterhin produziere ich die Masse dieser Shows komplett im Studio neu. D.h. ich kann maximalen Wert darauflegen, dass Bild und Ton in bestmöglicher Qualität beim Zuschauer ankommen.

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Die technische Seite

Wie mache ich das? Nun, ich lade die Referenten in ein kleines Studio ein, dass ich über den Sommer 2020 hinweg aufgebaut habe. Dort finden sich zwei Videoameras, eine Beleuchtungsanlage und eine große grüne Wand und ein Sammelsurium weiterer Geräte. Mit Hilfe der Greenscreen-Technik kann ich den Referenten an jeder beliebigen Stelle seiner Show ins Bild blenden und so zumindest ein wenig von dem Gefühl vermitteln, das einer wirklichen Live-Bühnenshow nahekommt. Auch lasse ich den Referenten den kompletten Vortrag durchmoderieren und schneide eventuelle Versprecher oder vielleicht mal nicht ganz so glücklich gewählte Formulierungen heraus. Denn im Gegensatz zu durchgestylten TV-Produktionen leben wir vom „Menschen vor der Kamera“. Das bedeutet, dass kleine Fauxpas einfach einmal dazu gehören, denn sie zeigen uns, wie wir sind: Mit kleinen Fehlern aber mit dem ganzen Herzen bei der Sache.

Wenn also der Referent im Studio steht, dann sieht dieser einen kleinen Monitor mit seiner Show, hat wie auch bei seinen Live-Bühnenshows einen Presenter in der Hand, der ihm erlaubt, die Bilder und Videos weiter zu schalten.

Gleichzeitig wird der komplette Vortrag doppelt aufgezeichnet. Einmal direkt vom Computer kommend splitte ich das Bild auf dem schon erwähnten Monitor für den Referenten und auf ein Atomos Shogun Aufzeichnungsgerät. Zum anderen filmen ein bis zwei Kameras gleichzeitig den Referenten vor dem Green-Screen.

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Das Ergebnis sind zwei große Videodateien: Eine mit der Show selbst ohne den Referenten, also das, was der Computer normalerweise im Vortragssaal auf den Beamer und die Lautsprecher gibt. Und dann die Videodatei mit dem Referenten vor der grünen Wand und seinem eingesprochenen Text.

Beides baue ich dann in nächtelanger Kleinarbeit im Programm m.objects zusammen. Angereichert wird die Produktion dann noch mit einem kurzen Interview und einer kleinen Einführung durch meine Wenigkeit.

Hinaus geströmt!

Wenn alles fertig ist, dann lade ich die fertige Videodatei bei VIMEO hoch und schalte dann jeweils am 1. des Monats den Film fürs Streamen auf unserer Homepage frei. Für die Zukunft werden wir uns einen eigenen Server zulegen, mit dem wir alle Optionen selbst gestalten können und nicht die Dienstleistung Dritter angewiesen sind.

Obwohl ich definitiv viel Spaß bei der Produktion der Shows zusammen mit meinen Kollegen habe, obwohl ich es genieße, dass so viel Lob, so viel „Weiter so“ bei mir ankommen, bleibe ich der „Bühnen-Mensch“, sehne mich nach dem Tag, an dem ich und meine Kollegen wieder vor der riesigen Leinwand stehen und in die begeisterten Gesichter der Zuschauer sehen. Hoffen wir, dass es bald wieder so sein wird!